Ragnarök: Die Geschichte vom Untergang der Götter
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Odin holt eine Tote aus dem Grab und lässt sie erzählen, wie er sterben wird. Sie fängt beim Anfang der Welt an und hört erst auf, als alles vorbei ist.
9. September 2026 · Quellen: Völuspá (Codex Regius und Hauksbók), Vafþrúðnismál, Snorri Sturlusons Gylfaginning · Lesezeit 10 Minuten
Ragnarök ist keine vage Warnung vor irgendeinem Ende. Es ist eine Geschichte mit festem Ablauf, überliefert in einem Gedicht von etwa 66 Strophen, und sie hat eine ungewöhnliche Erzählerin. Odin geht zu einem Grab und holt eine Seherin zurück, weil er wissen will, wie die Welt zu Ende geht. Sie weiß es. Sie erzählt es ihm. Und sein eigener Tod ist Teil der Antwort.
Die Seherin
Die Völuspá beginnt damit, dass eine Frau um Gehör bittet. Sie spricht die Menschen an, die Söhne Heimdalls, und sie sagt, Odin habe sie darum gebeten. Dann erzählt sie, was sie kennt: die Zeit, als es weder Sand noch See gab, das Aufschichten der Welt, die Erschaffung der ersten Menschen aus zwei Hölzern am Strand, den ersten Krieg zwischen den Göttergeschlechtern.
Sie erzählt das alles im Rückblick, als etwas, das sie miterlebt hat. Und irgendwann kippt die Zeitform. Sie hört auf zu berichten und fängt an zu sehen. Was jetzt kommt, ist noch nicht passiert.
Odin hört zu. Zwischendurch fragt sie ihn ein paarmal, ob er noch mehr wissen will. Er will.
Der Mord im eigenen Haus
Es beginnt nicht mit einem Feind von draußen, sondern mit einem Toten in der eigenen Familie.
Baldr, Odins Sohn, träumt schlecht. Er träumt von seinem eigenen Tod. Seine Mutter Frigg zieht daraufhin los und nimmt jedem Ding auf der Welt das Versprechen ab, ihm nicht zu schaden: dem Feuer und dem Wasser, dem Eisen, den Steinen, den Bäumen, den Krankheiten, den Tieren, den Schlangen. Eine Pflanze übergeht sie. Die Mistel wächst westlich von Walhall, sie ist jung und dünn, und Frigg hält sie für zu unbedeutend, um ihr einen Eid abzuverlangen.
Danach ist Baldr unverwundbar, und die Götter machen daraus einen Zeitvertreib. Sie stellen ihn in die Mitte des Things und werfen mit allem nach ihm, was sie finden. Nichts trifft. Alle lachen.
Nur einer steht abseits, weil er nichts sieht und nichts zu werfen hat: Höðr, Baldrs blinder Bruder. Loki gibt ihm die Mistel in die Hand und zeigt ihm, wohin er zielen soll. Der Wurf geht durch Baldr hindurch. Er fällt tot ins Gras, und die Götter stehen um ihn herum und können nicht einmal sprechen.

Was danach passiert, erzählt Snorri Sturluson ausführlich. Baldr wird auf seinem Schiff Hringhorni verbrannt. Hermodr reitet neun Nächte lang auf Odins Pferd Sleipnir hinunter zu Hel und bittet um Baldrs Rückkehr. Hel stellt eine Bedingung: Wenn wirklich alles auf der Welt um Baldr weint, darf er zurück. Boten reiten aus, und tatsächlich weinen alle, Menschen, Tiere, Steine, Bäume. Nur eine Riesin in einer Höhle weigert sich. Sie heißt Þökk, und Snorri schreibt trocken, die meisten nähmen an, das sei Loki gewesen. Baldr bleibt unten.
Die Völuspá braucht für all das drei Strophen. Bei ihr wächst die Mistel, Höðr schießt, Baldr fällt. Und dann kommt etwas, das bei Snorri untergeht: Odin zeugt in derselben Nacht einen Sohn, nur zu diesem einen Zweck. Der Junge ist eine Nacht alt, als er zum Kampf auszieht. Er wäscht sich nicht die Hände und kämmt sich nicht das Haar, bevor er Baldrs Mörder auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Er heißt Váli.
Ein Bruder erschlägt den anderen. Danach tötet ein dritter Bruder den zweiten. So fängt es an.
Der Winter, der nicht aufhört
Von hier an beschreibt das Gedicht keine Ereignisse mehr, sondern einen Zustand. Die Ordnung, die Menschen zusammenhält, löst sich auf. Brüder erschlagen einander, Geschwisterkinder brechen die Verwandtschaft, in den Häusern ist es hart, und niemand schont mehr irgendjemanden. Dann kommt die Zeile, die man bis heute zitiert:
Beilzeit, Schwertzeit, geborstene Schilde, Windzeit, Wolfszeit, bevor die Welt stürzt. (Völuspá, Strophe 45)
Snorri legt über diesen Zerfall noch einen Winter. Bei ihm kommt der Fimbulvetr, der gewaltige Winter: drei Winter hintereinander, ohne einen Sommer dazwischen. Der Schnee treibt aus allen Richtungen, es friert scharf, der Wind schneidet, und die Sonne nützt niemandem mehr etwas. Vorher, schreibt er, gehen noch drei andere Winter mit großen Kriegen über die Welt. In dieser Zeit erschlagen die Menschen einander aus Gier, und niemand schont den anderen, auch nicht Vater und Sohn.
Dann holen die Wölfe sich den Himmel. Einer verschlingt die Sonne, sein Bruder den Mond. Die Sterne verschwinden. Die Erde zittert so stark, dass Bäume entwurzelt werden und Berge einstürzen, und in diesem Beben reißen alle Fesseln auf einmal.
Drei Hähne und ein Hund
Die Völuspá hat für diesen Moment ein eigenes Bild. Kein Beben, keine Ansage: Es krähen Hähne.
Der erste sitzt bei den Riesen. Auf einem Hügel sitzt Eggthér, der Hüter der Riesin, und schlägt gut gelaunt seine Harfe, und über ihm kräht ein Hahn mit prächtig rotem Gefieder, der Fjalar heißt.

Der zweite kräht in Walhall. Er heißt Gullinkambi, Goldkamm, und er weckt die Einherjer, die gefallenen Krieger in Odins Halle.
Der dritte kräht unten bei Hel. Er ist rußrot, und er hat keinen Namen.
Bei den Riesen, bei den Göttern und bei den Toten geht im selben Augenblick jemand wach. Dann fängt der Hund an.
Das Horn
Heimdall hebt das Gjallarhorn und bläst hinein. Der Ton geht durch alle Welten, und es ist das erste Mal, dass jemand ihn hört.
Yggdrasil, die alte Esche, die alles zusammenhält, zittert und ächzt. Der Riese kommt los. Auf den Wegen nach Hel fürchten sich alle.
Odin reitet nicht sofort in den Kampf. Er reitet zu Mimirs Brunnen und spricht mit Mimirs Haupt, dem abgeschlagenen Kopf, der ihm seit Jahren Rat gibt. Was er dort fragt und was er zu hören bekommt, steht in keiner Strophe. Das Gedicht sagt nur, dass er es tut.
Dann kommen sie von allen Seiten. Aus dem Osten fährt Hrym heran, den Schild vor sich. Die Midgardschlange windet sich in Riesenwut und peitscht die Wellen, ein Adler kreischt und zerreißt Leichen. Das Schiff Naglfar kommt frei. Bei Snorri ist es aus den Nägeln der Toten gebaut, und daraus zieht er eine Lehre für die Lebenden: Wer einen Toten mit ungeschnittenen Nägeln bestattet, baut an diesem Schiff mit. Ein zweites Schiff kommt über das Meer, mit Muspells Leuten an Bord, und am Steuer steht Loki.
Aus dem Süden kommt Surtr, mit einem Schwert, das wie die Sonne der Kampfgötter leuchtet. Die Felsen bersten, die Riesinnen straucheln, die Menschen gehen den Weg nach Hel, und der Himmel spaltet sich. Bei Snorri reiten Muspells Söhne über Bifröst, und die Regenbogenbrücke bricht unter ihren Hufen.
Sie treffen sich alle auf einem Feld. Es heißt Vígríðr, Kampfstätte, und misst bei Snorri hundert Rasten in jede Richtung.
Vígríðr
Freyr trifft als Erster auf Surtr. Er hat kein Schwert. Er hat es Jahre vorher weggegeben, an seinen Diener Skírnir, als Lohn dafür, dass der für ihn um die Riesin Gerðr warb. Freyr fällt.
Týr und der Hund Garm gehen zusammen zu Boden, keiner überlebt den anderen.
Thor trifft die Midgardschlange und erschlägt sie. Dann geht er neun Schritte weg von ihr. Beim neunten fällt er um, vergiftet von ihrem Atem.
Odin reitet mit goldenem Helm und dem Speer Gungnir gegen Fenrir.
Die Völuspá beschreibt diesen Kampf nicht. Sie sagt keinen Satz darüber, wie der Allvater sich schlägt, wie lange es dauert, ob er trifft. Sie sagt: Jetzt kommt Friggs zweiter Kummer. Der erste war Baldr. Wer die Zeile hört, weiß Bescheid, bevor sie zu Ende ist.
Der Wolf verschlingt ihn.

Vidar tritt vor, Odins Sohn, und rächt ihn. Wie er das tut, erzählen die Quellen verschieden. In der Völuspá stößt er dem Untier das Schwert ins Herz. Bei Snorri tritt er dem Wolf mit einem Fuß in den Unterkiefer, packt mit der Hand den Oberkiefer und reißt ihm den Rachen auseinander. Der Schuh an diesem Fuß, schreibt Snorri, wurde seit Anbeginn der Zeit gesammelt: aus all den Lederstücken, die Menschen beim Schuhmachen an Zehe und Ferse wegschneiden. Wer seine Reste wegwirft, arbeitet daran mit.
Zuletzt stehen sich Heimdall und Loki gegenüber, der Wächter und der, der die Sache angefangen hat. Auch sie töten einander.
Dann wirft Surtr sein Feuer über die Welt.
Der Wolf, der am Ende Odin verschlingt, trägt bei uns einen eigenen Druck: das Fenrir Premium Shirt. Wer es ärmellos will, findet dasselbe Motiv als Fenrir Tanktop.
Was danach kommt
Und dann sieht die Seherin weiter.
Sie sieht die Erde ein zweites Mal aus dem Meer steigen, und sie ist grün. Wasserfälle stürzen. Ein Adler fliegt darüber und jagt Fische in den Bergen.
Die überlebenden Götter treffen sich auf dem Feld Iðavöllr, dort, wo Asgard stand, und sprechen über die Midgardschlange und über die alten Runen. Im Gras finden sie die goldenen Spielsteine wieder, mit denen sie in der ersten Zeit gespielt haben, als die Welt noch neu war. Die Felder tragen, ohne dass jemand gesät hat. Alles Übel wird besser. Baldr kommt zurück, und Höðr kommt mit ihm, und die beiden wohnen zusammen in Odins Hallen.

Wer sonst noch da ist, zählt Snorri auf: Vidar und Váli, denen weder Meer noch Feuer etwas anhaben konnte. Modi und Magni, Thors Söhne, die den Hammer tragen. Hönir wählt wieder die Losstäbe zur Weissagung.
Und zwei Menschen haben überlebt. Sie haben sich in einem Wald namens Hoddmímis holt verborgen und vom Morgentau gelebt, während draußen der Fimbulwinter stand. Sie heißen Líf und Lífþrasir, Leben und Lebenskraft, und von ihnen stammen alle Geschlechter ab, die danach kommen. Die Sonne hat, bevor der Wolf sie verschlang, eine Tochter geboren. Die zieht jetzt die Bahn ihrer Mutter.
Die Seherin sieht eine Halle, schöner als die Sonne, mit Gold gedeckt, auf Gimlé. Dort sollen die rechtschaffenen Leute wohnen und für immer Freude haben.
An dieser Stelle steht in der einen Handschrift eine Strophe, die in der anderen fehlt. Ein Mächtiger kommt von oben herab, zum Gericht über alles. In der letzten Strophe fliegt dann noch Nidhöggr heran, der dunkle Drache, Leichen in den Federn. Und danach sinkt die Seherin dorthin zurück, woher Odin sie geholt hat, ohne zu sagen, ob der Drache ein Rest der alten Welt ist oder schon der Anfang der nächsten.
Fenrir und die Wölfe des Nordens
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Woher wir das alles wissen
Die Geschichte oben stammt aus zwei Texten, die sich an mehreren Stellen widersprechen.
Der ältere ist die Völuspá, die Weissagung der Seherin. Das Gedicht entstand vermutlich um das Jahr 1000 und ist in zwei Handschriften erhalten: im Codex Regius, aufgeschrieben um 1270, und in der etwas jüngeren Hauksbók. Die beiden Fassungen weichen voneinander ab. Die Strophe vom Mächtigen, der von oben herabkommt, steht nur in der Hauksbók. Sigurður Nordal hielt sie für ursprünglich, wenn auch christlich beeinflusst; Gro Steinsland hat später dafür argumentiert, dass sie heidnisch erklärbar ist. Einig ist man sich nicht.
Der zweite Text ist die Gylfaginning aus Snorri Sturlusons Prosa-Edda, geschrieben um 1220, also gut fünfzig Jahre bevor die älteste Völuspá-Handschrift entstand. Snorri zitiert das Gedicht seitenweise, füllt aber die Lücken mit Erzählung. Der Fimbulwinter, Naglfar aus Nägeln, Vidars Schuh, Hermodrs Ritt, Týr gegen Garm, Heimdall gegen Loki, die hundert Rasten von Vígríðr: Das alles steht nur bei ihm. Ein drittes Gedicht, das Vafþrúðnismál, liefert Líf und Lífþrasir, die Tochter der Sonne und Thors Söhne mit dem Hammer.
Snorri war Christ und schrieb sein Buch als Lehrwerk für Dichter, rund zwei Jahrhunderte nach der Annahme des Christentums auf Island. Er wollte die alten Bilder erklären, damit man sie in Versen weiterverwenden kann. Das macht ihn zur reichsten und zugleich zur unsichersten Quelle.
Woher die Bilder kommen, ist eine eigene Frage. Bertha Phillpotts hielt Surtr für einen Vulkandämon; sein Name steckt bis heute in der isländischen Lavahöhle Surtshellir. Hilda Ellis Davidson las die geschwärzte Sonne, den Dampf und die Flammen als Erfahrungen von Menschen, die auf einer Vulkaninsel leben. Mathias Nordvig und Felix Riede haben die Erinnerung an den Vulkanwinter der Jahre 536 bis 550 ins Spiel gebracht, der in Skandinavien nachweislich Siedlungen verschwinden ließ. In den Jahren danach lag über Nordeuropa ein Schleier aus Staub, die Ernten fielen aus, und die Sonne stand blass am Himmel. Beweisen lässt sich keine dieser Deutungen.
Häufige Fragen zu Ragnarök (FAQ)