Loki in der nordischen Mythologie: Die Geschichte des Gefesselten
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Vom Platz am Tisch der Götter bis zu den Ketten im Quellenwald.
21. September 2026 · Quellen: Völuspá, Lokasenna, Snorris Gylfaginning · Lesezeit 9 Minuten
In Ægirs Halle brennt kein Holz. Leuchtendes Gold ersetzt das Licht, das Bier trägt sich selbst auf, und die Asen sitzen beim Gastmahl. Sie loben die Diener Fimafeng und Eldir. Loki kann dieses Lob nicht ertragen. Er erschlägt Fimafeng.
Die Götter greifen nach ihren Schilden, schreien ihn an und jagen ihn in den Wald. Dann kehren sie zurück und trinken weiter. Loki aber kommt wieder. Vor der Halle trifft er Eldir und fragt, worüber die Götter beim Bier reden. Über Waffen und ruhmvolle Kämpfe, sagt Eldir. Ein gutes Wort über Loki falle nicht.
Das genügt ihm. Er verlangt einen Sitzplatz und Meth. Als Bragi ihn abweist, erinnert Loki Odin an ihren alten Blutbund. Odin lässt ihm einen Platz geben. Danach beginnt Loki, einen nach dem anderen zu beschimpfen. Er wirft Bragi Feigheit vor, Odin ungerechte Siege, Tyr seine verlorene Hand. Zu Frigg sagt er, er sei schuld daran, dass Baldr nicht mehr zum Rat der Götter reite.
So erzählt es die Lokasenna. Der Satz steht im Raum, aber Loki ist noch nicht gefesselt. Er sitzt unter den Göttern und redet weiter, bis Thor heimkehrt.

Der Helfer, der die Rechnung bekommt
Thor droht ihm mit Mjölnir. Loki weicht. Er sagt selbst, vor Thor allein ziehe er sich zurück, weil Thor zuschlage. Zum Abschied droht er Ægir, seine Halle werde kein weiteres Gastmahl sehen: Die Flamme solle über ihren Besitz spielen und seinen Rücken verbrennen.
Das ist nicht die erste Geschichte, in der Loki die Götter in Gefahr bringt und sie wieder herauszieht. Als sie eine Burg gegen Bergriesen und Hrimthursen bauen lassen wollen, kommt ein Baumeister mit einem Preis, der Freyja, Sonne und Mond kostet. Der Bau soll in einem Winter fertig sein. Loki rät, dem Mann dabei seinen Hengst Svadilfari zu erlauben.
Der Hengst zieht gewaltige Felsen und verrichtet halbmal so viel Arbeit wie der Baumeister. Drei Tage vor Sommerende fehlt fast nur noch das Burgtor. Die Götter fragen, wer ihnen zu diesem Handel geraten hat. Ihre Antwort lautet: Loki, Laufeyjas Sohn. Sie drohen ihm mit dem Tod, wenn der Baumeister seinen Lohn bekommt.
Loki schwört, den Lohn zu verhindern, koste es, was es wolle. In der Nacht läuft eine Stute aus dem Wald und wiehert Svadilfari entgegen. Der Hengst zerreißt sein Geschirr und folgt ihr. Der Baumeister jagt hinterher. Die Arbeit bleibt liegen.
Als die Götter erkennen, dass ihr Baumeister ein Bergriese ist, rufen sie Thor. Thor zerschlägt ihm mit Mjölnir den Schädel. Loki bringt später ein graues Fohlen mit acht Beinen zur Welt: Sleipnir. Er schenkt es Odin.
Lokis Listen haben den Asen Hilfe gebracht. Seine Kinder werden bei Ragnarök gegen die Götter stehen.
Die Kinder, die auf das Ende warten
Mit der Riesin Angrboda hat Loki drei Kinder: den Fenriswolf, die Midgardschlange Jörmungandr und Hel. Die Götter holen sie aus Jötunheim. Sie werfen die Schlange in die tiefe See und schicken Hel nach Niflheim. Den Wolf ziehen sie selbst auf, bis sie ihn mit Gleipnir fesseln. Tyr legt seine Hand als Pfand in Fenrirs Rachen. Der Wolf beißt sie ab.
Auch Loki wird gebunden werden. Die Völuspá zeigt ihn schon in Ketten, Sigyn neben ihm. Sie nennt keinen Grund. Die ausführliche Geschichte dazu erzählt Snorri Sturluson in der Gylfaginning, und dort beginnt alles mit Baldrs Tod.
In dieser Fassung sorgt Loki dafür, dass Baldr erschlagen wird und nicht aus Hels Gewalt zurückkehrt. Die Völuspá erzählt diese Tat anders. Sie sagt nur: „da Hödur schoß“. Loki nennt sie dort nicht. In der Lokasenna aber bekennt er Frigg gegenüber seine Schuld.
Nach Snorri flieht Loki, als die Götter ihn suchen. Er baut sich auf einem Berg ein Haus mit vier Türen, damit er in jede Richtung sehen kann. Tagsüber versteckt er sich als Lachs im Wasserfall Frananger. Abends sitzt er bei seinem Feuer und nimmt Flachsgarn zur Hand.
Das Netz im Feuer
Loki verflicht das Garn zu Maschen, wie man seitdem Netze macht. Als er die Asen kommen sieht, wirft er das Netz ins Feuer und springt in den Wasserfall.

Die Asche verrät ihn. Kwasir erkennt am halb verbrannten Garn, dass daraus ein Netz zum Fischefangen geknüpft werden kann. Die Asen machen ein neues. Sie treiben Loki im Wasser zusammen. Er springt über das Netz, doch Thor greift nach ihm, rutscht ab und hält ihn an der Schwanzspitze fest.
Darum ist der Lachs hinten spitz.
Die Götter bringen Loki in eine Höhle. Dort endet die Flucht.
Sigyn und die Schale
Sie fesseln Loki mit den Gedärmen seines Sohnes. Die Völuspá kennt die Fessel selbst: „fest geflochten die Fessel aus Därmen“.
Skadi hängt eine Giftschlange über Lokis Gesicht. Sigyn setzt sich neben ihren Mann und hält eine Schale unter die Tropfen. Sie bleibt dort. Wenn die Schale voll ist, muss sie das Gift wegtragen. Für diesen Augenblick fällt es in Lokis Gesicht.

Er windet sich so heftig, dass die Erde zittert. Das wird Erdbeben genannt.
Dort liegt Loki bis zur Götterdämmerung. Fenriswolf wartet gefesselt, und die Midgardschlange liegt in der See.
Das Schiff aus dem Osten
Dann beben die Fesseln. Bei Ragnarök wird Loki frei. In der Völuspá fährt der Kiel aus dem Osten, Muspels Söhne kommen über die See, und Loki steuert ihr Schiff. In Snorris Erzählung steht er mit Hels ganzem Gefolge und den Hrimthursen auf dem Feld Wigrid.
Fenriswolf kommt mit aufgerissenem Rachen, sein Oberkiefer reicht bis an den Himmel, sein Unterkiefer bis zur Erde. Jörmungandr sucht das Land. Loki kämpft gegen Heimdall. Einer erschlägt den anderen.
In Ægirs Halle brennt kein Holz. Bei Ragnarök schleudert Surtur Feuer über die Erde und verbrennt die Welt.
Was von Loki bleibt
Loki ist in den Quellen weder ein Feuergott noch eine Gestalt mit einfachem Urteil. Die Snorra-Edda rechnet ihn zu den Asen und nennt ihn schön, schlau und unbeständig. Sie erzählt auch, dass er die Asen in Verlegenheit bringt und ihnen oft durch seine Klugheit wieder heraus hilft. Seine Geschichte hält beides nebeneinander aus.
Einen Lokikult gab es nicht. Keine Quellen berichten von Ritualen oder Kulthandlungen für ihn, und es gibt keine Ortsnamen mit Loki in Skandinavien. Schjødt nennt ihn deshalb eine rein mythologische Figur. Das macht seine überlieferte Gestalt nicht kleiner. Sie ist der Helfer am Rand des Tisches, der Gefesselte unter der Schlange und am Ende der Steuermann des feindlichen Schiffs.
Wer Loki heute trägt, trägt keine Flamme und keinen einfachen Schurken. Das Motiv verweist auf eine Figur, die in den Edda-Texten durch List hilft, durch Gewalt den Bruch mit den Göttern vollzieht und gebunden auf Ragnarök wartet.
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Woher wir das wissen
Die ältesten erhaltenen Hauptquellen sind die anonyme Lieder-Edda im Codex Regius, einer Handschrift um 1270, und Snorri Sturlusons Snorra-Edda aus Island, um 1220. Sie setzen unterschiedliche Akzente. Die Völuspá zeigt den gebundenen Loki mit Sigyn und nennt ihn als Steuermann bei Ragnarök. Die Lokasenna erzählt das Gastmahl, Lokis Bekenntnis zu Baldrs Tod und die Fesselung in der Schlussprosa. Snorris Gylfaginning führt die Flucht als Lachs, das Netz und die Fesselung als Folge von Baldrs Tod ausführlich aus.
Gerade bei Baldr darf man die Fassungen nicht vermischen. Die Völuspá nennt Hödur als Schützen und bringt Loki nicht mit dem Mord in Zusammenhang. Gylfaginning und Lokasenna machen Loki dagegen zum Täter oder lassen ihn die Schuld bekennen. Auch die Namen der Söhne weichen in den Fesselungserzählungen voneinander ab: Die Lokasenna-Schlussprosa nennt Nari und Narfi, Snorris Fassung Nari und Váli.
Loki ist nicht Logi. Logi ist in der Erzählung von Utgardloki das Feuer selbst und besiegt Loki im Esswettstreit, indem er Fleisch, Knochen und die Truhe frisst. Die sprachliche Ableitung von Lokis Namen aus „Flamme“ hat keine fundierte Basis. Richard Wagners Loge beruht auf der Verwechslung Lokis mit diesem Feuerriesen. Im 18. Jahrhundert wurde Loki außerdem häufig in eine Teufelsrolle gedrängt.
| Verbreitete Annahme | Was die Quellen zeigen |
|---|---|
| Loki ist der Feuergott. | Sein Name hat keine fundierte sprachliche Ableitung von „Flamme“; Loki ist nicht der Feuerriese Logi. |
| Loki und Logi sind dieselbe Figur. | Logi ist das Feuer selbst und gewinnt gegen Loki den Esswettstreit bei Utgardloki. |
| Loki ermordet Baldr in jeder Überlieferung. | Gylfaginning und Lokasenna machen Loki verantwortlich; die Völuspá nennt Hödur als Schützen und Loki nicht. |
Häufige Fragen zu Loki